Unter der Rubrik "Standpunkt" veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Kommentare und Meinungsäußerungen zu aktuellen Themen. 

 


Geldsegen für die Kirche! Oder wie wir die Dienstgemeinschaft verlieren.
 

Dienstgemeinschaft, ein guter, verheißungsvoller und zugleich anspruchsvoller Begriff. Doch die Dienstgemeinschaft fällt nicht vom Himmel. Sie muss gelebt und in den Strukturen wiederzufinden sein. Eine kleine Geschichte:


Zwanzigzwölf,

die Evangelische Kirche von Westfalen nimmt überplanmäßig ca. 30 Millionen Euro Kirchensteuer ein. Auch 2011 war ein gutes Jahr mit fast40 Millionen Mehreinnahmen. Ein unerwarteter Geldsegen wird uns beschert. Es geht uns gut – wirklich?


November 2011:

Die Vertreter der Kirchengemeinden und Kirchenkreise beschließen auf Grundlage einer Beschlussvorlage der Kirchenleitung und seiner Ausschüsse in der Landesssynode 2011 das PfarrerInnen mit 58 Jahren, in den Ruhestand gehen können. Die Pensionsansprüche orientieren sich dabei aber daran, als wären sie mit 63 in den Ruhestand gegangen. Eine komfortable Reglung und zugleich eine win win Situation, denn die frei werdenden Stellen stehen Entsendungsdienstlern und dem Nachwuchs, jungen TheologInnen, zur Verfügung.


Frühjahr 2012:

Nicht alle eingeplanten Kirchensteuermittel im Haushalt der Pfarrbesoldung der Landeskirche wurden verbraucht. Rund 8 Mio. € sind übrig. Geld, was nach geltendem Recht den Kirchenkreisen und den Gemeinden zur Verfügung steht. 8 Mio sind bei 31 Kirchenkreisen und 517 Gemeinden statistisch gesehen 258.000 € oder 15.000 €. Das Geld fließt in eine Rücklage auf landeskirchlicher Ebene.


Sommer 2012:

Mehrere Kirchenkreise beschließen die tariflich verankerten, wesentlich unkomfortableren Vorruhstandreglungen für Küster, Kirchenmusiker, Verwaltungsangestellte, Gemeindepädagogen nicht anzuwenden. Es ist kein Geld in den Kirchenkreisen und Gemeinden vorhanden. Schade für die Mitarbeitenden und deren Nachwuchs.


Herbst 2012:

Küster und Gemeindepädagogen werden in mehreren Gemeinden die Kündigung, Auflösungsvertrag o.ä. nahe gelegt. Die Kirchensteuermittel für eine Weiterbeschäftigung reichen nicht mehr aus. Die Planstellen müssen reduziert oder eingestellt werden.


November 2012:

Die Vertreter der Kirchengemeinden und Kirchenkreise beschließen auf Grundlage einer Beschlussvorlage der Kirchenleitung und seiner Ausschüsse in der Landesssynode 2012 das alle Entsendungsdienstler, die bisher eine 50% oder 75% Stelle haben, sich eigenständig entscheiden können in einem Dienstumfang von 100% zu arbeiten. Gleichzeitig gibt es in Westfalen etwa 100 unbesetzte Pfarrstellen. Würden alle Entsendungsdienstler von ihrem Recht Gebrauch machen, käme dieses einem Volumen von mehr als 5 Mio. € Jahr für Jahr incl. gesteigerter Pensionsansprüche gleich. 160.000 € je Kirchenkreis und 10.000 € je Gemeinde, rein statistisch gesehen.
 

Ach ja – Entsendungsdienstler sind PfarrerInnen, für die wir in der Kirche Arbeit haben und die wertvolle Arbeit verrichten, für die aber leider keine Stellen im Stellenplan vorgesehen sind. Wir haben in Westfalen so viele Entsendungsdienstler, weil die Landessynode diesen Menschen mit einer Sonderreglung zu einem lebenslangen Dienstverhältnis verholfen hat, ansonsten wären diese nach spätestens 4 Jahren nicht weiterbeschäftigt worden. Entsendungsdienstler und deren Familien, die vom Einkommen des Entsendungsdienstes wirtschaftlich in besonderem Maße abhängig sind, haben heute schon 100% Stellen.


Frühjahr 2013:

Es werden weitere betriebsbedingte (Änderungs-)Kündigungen ausgesprochen – privatrechtlich angestellte Mitarbeitende, die eine feste Planstelle besetzen verlieren Stunden. Befristete Arbeitsverträge laufen aus und werden nicht wiederbesetzt. Die ersten Entsendungsdienstler erhöhen ihre Stellen auf 100%. Neue Aufgaben werden für sie gesucht und gefunden. Die Kirchensteuermehreinnahmen hat es 2012 tatsächlich gegeben. Die Versorgungskasse, vor allem für den Pfarrdienst, befindet sich in einem desolaten Zustand. 50% der Mehreinnahmen wird zur Stärkung der Versorgungskasse im Pfarrdienst verwendet.


Wir haben da mal eine Frage!

Sind PfarrerInnen wertvoller als andere Mitarbeitenden oder brauchen sie nur einfach mehr Geld zum Leben. Gibt es kein sonstiges Kirchenvermögen welches für die Versorgung der PfarrerInnen einsetzbar wäre. Warum bleibt für viele Angestellte Kirchenmusiker, Küster, Verwaltungsmitarbeitende oder Gemeindepädagogen so wenig übrig. Dienstgemeinschaft, wo bist du? Oder verstehen wir da etwas falsch?


Der Dritte Weg – eine Erfolgsgeschichte?

Es gibt ihn schon lange. Wie lange genau weiß ich nicht, denn als ich 1993 in den kirchlichen Dienst eintrat, war er schon da. Der Dritte Weg. Die besondere Form der Gestaltung und Vereinbarung von Arbeitsbedingungen für Mitarbeitende im evangelisch-kirchlichen Dienst. Übrigens, der Dritte Weg ist konfessionsübergreifend – auch die katholische Kirche setzt auf seine Vorzüge.


Getragen wird er vom Leitbild der Dienstgemeinschaft und von der religiösen Dimension des kirchlichen Dienstes. Auch wenn die Dienstgemeinschaft aufgrund der finanziellen Probleme unserer Kirche und dem damit verbundenen Verdrängungswettbewerb kirchlicher Berufsbilder derzeit einen sehr schweren Stand hat – der Dritte Weg lebt.

Partnerschaftlichkeit, Dialog, Kooperation statt Konfrontation sind treffende Bezeichnungen für seine Charakteristik. Lösungen für die Gestaltung von Arbeitsrecht finden, ohne sich gegenseitig mit Streik oder Aussperrung zu bedrohen, ohne zu streiken oder auszusperren. Insbesondere Verdi kritisiert diese Gestaltungsform und verweigern sich seiner Teilnahme. Das finde ich sehr bedauerlich, denn ein Mitwirken würde helfen, die Interessen der Mitarbeitenden vielleicht noch besser vertreten zu können. Aber sei’s drum – für Manchen ist es eben einfacher zu kritisieren anstatt konstruktiv mitzuwirken und verantwortlich zu gestalten.


Die Anfeindungen von außen konnten dem Dritten Weg aber bisher nicht schaden und haben diejenigen, die ihn aktiv leben hoffentlich noch auf ihrem Weg bestärkt. Auch wenn er schon oft kritisiert wurde, wenn z.B. mal wieder die Schiedskommission entscheiden musste, er lebt noch – lebendiger den je! Für mich ist übrigens auch die Entscheidung durch die Schiedskommission ein ganz normaler Vorgang, denn warum sollte man einen vorher vereinbarten Eskalationsmechanismus nicht nutzen und was ist daran bitteschön schlecht? Nachtsitzungen mit Showdown-Charakter und Publictiy-Sucht sind eben keine Eigenschaften des Dritten Weges.


Ich finde dass der Dritte Weg eine Erfolgsgeschichte ist!

Hans-Ulrich Krause


„Entweltlichung der Kirche"

Nachdem der Papst bei seinem letzten Deutschlandbesuch den Begriff der „Entweltlichung“ für seine Kirche eingeführt hat, ist er nun auch für die Ev. Kirche aufgenommen worden.


Präses Nicolaus Schneider, zugleich auch Ratsvorsitzender der EKD, hat sich laut Presseberichten wie folgt dazu geäußert:

„Ich glaube, diese Dimension ist gemeint, wo wir von den Strukturen dieser Welt überwältigt werden, wo das Gewinnstreben und das Geldmachen auch nach uns greift“ sagt Schneider und folgert „Da müssen wir uns wieder entweltlichen, damit wir in der Welt unserem Auftrag gemäß leben und arbeiten“.


Ja, da kann er wohl recht haben, der Herr Präses. Es wird interessant sein zu beobachten, wie ein solch schwieriges Thema angegangen wird und ob er eine Chance hat in dieser Richtung auch nur ein wenig zu bewirken. Natürlich, diese Kirche hat immer in dieser Welt gelebt und sich den gegebenen Rahmenbedingungen angepasst. Die Geschichte über die Jahrhunderte hinweg lehrt da genug. In den letzten etwa 20 Jahren haben sich Amtsträger und Funktionäre insbesondere auch im Bereich der Diakonie ganz schön der „Welt“ angepasst. Insbesondere bei der eigenen Vergütung erfolgt da die Anpassung. In der Vergangenheit stand die Besoldung für den Pfarrerstand einheitlich fest, egal in welcher Funktion man tätig war. Alle bekamen das gleiche Gehalt. Das hat sich aber wohl geändert; nachdem die weitgehende Verselbständigung der Diakonie mit gutbezahlten Geschäftsführern erfolgt ist. Denn hinter deren Gehalt wollten die hauptberuflichen theologischen Vorstände natürlich nicht zurückstehen. Mehr musste es auch für sie sein, wegen der Verantwortung, wegen der vielen Personalfälle, wegen der großen Last usw. Größere Diakonische Werke = höhere Gehälter für die Vorstände. Das Gewinnstreben und Geldmachen, von dem Präses Schneider gesprochen hat, hat damit in die zentrale Berufsgruppe der Kirche auch Einzug gehalten und eine verheerende Wirkung. Funktionsstellen für Pfarrer zu besetzen ist heute vielerorts kein Problem. Geregelte Arbeitszeit, überschaubare Aufgaben, sonntags frei, und sogar - je nach Stelle in der Diakonie - eine höhere Besoldung, das sind vielfach angestrebte Rahmenbedingungen. Die Arbeit und Verantwortung eines Gemeindepfarrers oder einer Pfarrerin mit regelmäßigen Diensten an Sonntagen und auch an den Wochentagen, das Presbyterium, mit dem die Gemeinde gemeinsam zu leiten und zu führen ist, Kranken-Hausbesuche, ständig im Blick der Gemeinde zu sein ist offenbar immer weniger attraktiv. Gemeindepfarrstellen werden eingespart zugunsten von Funktionspfarrstellen, obwohl derzeit genügend Personal vorhanden wäre. Entweltlichung kann ja auch bedeuten, dass die Kirchengemeinden und die Betreuung der Gemeindeglieder wieder stärker in den Blick genommen werden.

 Wenn die B-Besoldungsstellen in der Kirche um jeweils eine Stufe zurückgeführt würden, wäre vom Rest auch noch ganz gut zu leben. Dies wäre zumindest auch ein Signal an die Mitarbeitenden in Kirche und Diakonie, deren Arbeitszeit gekürzt wird oder die man outsourct. Diese spüren die „Verweltlichung“ am meisten.  

HGK

 


Dienstgemeinschaft und Dritter Weg?

Es ist noch gar nicht lange her, da saß ich als Vertreter der Evangelischen Kirche von Westfalen als Klägerin gegen ver.di im Landesarbeitsgericht in Hamm. Der Prozess beschäftigte die Öffentlichkeit, was an der großen Teilnahme und an den Kameras und Mikrofonen mehr als deutlich war. Hat das Selbstbestimmungs-recht der Kirche zur Folge, dass das Grundrecht auf Streik in ihr nicht zur Geltung kommt?

 

Der Richter hatte eine klare Meinung: Die Regelungen des Dritten Weges seien denen des Arbeitskampfes nicht ebenbürtig und stellten eine schlechtere Ausgangslage für Mitarbeitende dar. Entscheidender aber war die Differenzierung in verkündigungsnahe und verkündigungsferne Dienste, wozu etwa auch die Verwaltung gehören könnte. Hier zog der Richter als Beleg für seine These insbesondere die Ausgründungspraxis einzelner diakonischer Einrichtungen in Gesellschaften an, die dann außerhalb des kirchlichen Arbeitsrechtes mit anderen (niedrigeren) Tarifen arbeiten. Hier nehme die Kirche selbst die entsprechende Differenzierung von Diensten vor.

 

Wir haben natürlich versucht zu begründen, dass dem Auftrag der Kirche alle Berufe und Tätigkeiten in Kirche und Diakonie dienen. Ganz, wie es dem biblischen Bild vom Leib und seinen Gliedern entspricht. Wir haben auch versucht aufzuzeigen, dass es von diesem Selbstverständnis her angemessenen ist, einen eigenen Weg im Arbeitsrecht zu gehen, der eben auf Einigung und Kompromiss in gleichwertig besetzten Kommissionen im Dritten Weg ausgerichtet ist. Formen, die auf Kampf und Konfrontation der Interessen ausgerichtet sind, entsprechen eben weniger diesem Selbstverständnis. Noch weniger täte dies die Aussperrung, auf die der Arbeitgeber Kirche ohnehin verzichtet.

Natürlich gibt es nicht hausgemachte gute Gründe für die Ausgliederungen, die z.T. für einzelne Dienste vorgenommen werden. Es ist vor allem der politisch gewünschte Markt auch in sozialen Dienstleistungen. Da werden Kostensätze auf der Basis des billigsten Anbieters ausgehandelt und erstattet. Will man auftragstreu bleiben, steht man vor einem Dilemma. Hier sind politische Diskussionen erforderlich, was soziale Arbeit in der Gesellschaft an Wert besitzt.

 

Es ist auch nicht so, dass wir den Dritten Weg theologisch so überhöhen sollten dass wir sagen, dass nur er dem Wesen der Kirche entspricht. Man kann sicher auch in Kirche und Diakonie andere Wege der Arbeits-rechtssetzung beschreiten. Dennoch: Es gibt gute Gründe, für ihn einzutreten, ihn evtl. weiterzuentwickeln und glaubwürdig auszugestalten.

Dabei darf keineswegs eine Schlechterstellung der kirchlichen Mitarbeitenden inbegriffen sein, die ich so auch nicht sehe – was auch die Vergangenheit beweist.

Ob wir uns ganz von Aufgaben trennen und sie konsequent abgeben, wenn wir sie unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht mehr identisch leisten können, bleibt eine berechtigte Frage.

 

Ich wünsche mir jedenfalls weiterhin eine Dienstgemeinschaft, die mit unterschiedlichen Aufgaben und Kompetenzen dem Auftrag der Kirche dient. Und ich danke Ihrem Verband, dass er daran bislang so konstruktiv mitgearbeitet hat.


Albert Henz

Theologischer Vizepräsident der EKvW

 

„Ich glaube, diese Dimension ist gemeint, wo wir von den Strukturen dieser Welt überwältigt werden, wo das Gewinnstreben und das Geldmachen auch nach uns greift"